VORHERSAGE VON LONG COVID MÖGLICH?

Ob ein Patient, der mit COVID-19 infiziert wurde, einen milden oder einen schweren Verlauf erleiden wird, ist nur schwer vorhersagbar. Neben der Immunantwort und dem allgemeinen Gesundheitszustand unseres Körpers scheinen unsere Gene eine so wichtige Rolle dabei zu spielen, dass eine Aussage über die schwere des Verlaufs einen Hauch von Wahrsagerei beinhaltet. Unbekannte Faktoren, die bei jeder Erkrankung und jedem Patienten individuell eine weitere wesentliche Rolle spielen können, machen eine Vorhersage über die Schwere des Verlaufs einer COVID-19 Infektion selten präzise möglich. Man kann diesbezüglich, ähnlich der Wettervorhersage, nur mit Wahrscheinlichkeiten rechnen.

Wie aber soll man dann vorhersagen können, ob ein Patient, der eine Corona-Infektion durchgestanden hat, danach Long COVID bekommt oder nicht? Mit welcher Wahrscheinlichkeit funktioniert das? Auf den ersten Blick erscheint allein der Gedanke daran, dass das möglich sein soll, zumindest für Nichtmediziner, absurd.

Genau das soll aber ein neues Testverfahren können, das begleitet von einer Studie mit 156 Personen aus dem Gesundheitswesen, zu Beginn der Pandemie im März 2020 entwickelt wurde. Das „UK COVIDsortium“ wendete für die Testung der Personen eine sogenannte Proteomanalyse an. Bei dieser Art von Testverfahren wird eine Auswahl an Proteinen festgelegt, die sich in einem Gewebe oder unseren Körperflüssigkeiten befinden. Im menschlichen Körper kommen schätzungsweise zwischen 80.000 und 400.000 Proteinvarianten vor. Aus diesen Proteinen werden dann diejenigen bestimmt, die für das jeweilige Testverfahren als Referenz-Proteine dienen und die von größter Relevanz für das entsprechende Krankheitsbild sind. Diese Proteine dienen dann als sogenannte Marker.

Das Testverfahren ist nicht nur mit unserem Blut, sondern auch mit Urin oder Nervenwasser möglich, wobei Letzteres als taugliches Verfahren sicherlich zu kompliziert und für den Patienten zu unangenehm wäre.

Von den 156 Studienteilnehmern und -teilnehmerinnen infizierten sich 54 (Durchschnittsalter 39 Jahre) im Laufe der Studie mit COVID-19. 91 Proteine wurde als Marker erkannt und deren Konzentration in Blutproben bestimmt. Die Analysen wurden wöchentlich in einem Gesamtzeitraum von 6 Wochen wiederholt. Die betroffenen Patienten bildeten fast ausschließlich milde Symptome aus.

 

DAS ERGEBNIS?

Durch die Proteomanalyse wurden deutliche Veränderungen sichtbar, die mit der Schwere der akuten Infektion korrelierten. Insbesondere diejenigen Proteine, die an entzündungs- und gerinnungshemmenden Prozessen in unserem Körper beteiligt sind, waren für die Forscher von besonderem Interesse. 20 der 91 Proteine, die fast alle für die erwähnten Prozesse in unserem Körper mitverantwortlich sind, wurden als wesentlich für eine Long COVID Erkrankung identifiziert. Die Konzentration dieser Proteine wurde durch das Team um Wendy Heywood vom University College in London in einem Proteomprofil festgehalten. Es ist nicht wirklich überraschend, dass ausgerechnet diesen Proteinen eine wichtige Messfunktion zu Teil wird. Es ist bereits bekannt, dass eine Infektion mit COVID-19 starke Immunreaktionen hervorrufen kann. Insbesondere Inflammationsprozesse, also Entzündungsprozesse im Körper der Patienten, spielten bei der Infektion eine wesentliche Rolle. In schweren Verläufen des akuten Infektionsgeschehens, führten diese Entzündungsprozesse nicht selten zur sogenannten Hyperinflammation. Eine Kaskade an Entzündungen im Körper, die häufig mehrere Organe betreffen, die schließlich zu einer Sepsis führen können. Eine akut lebensgefährliche Situation, die leider im weiteren Verlauf einer akuten Infektion mit COVID-19, nicht selten bei den schwer betroffenen Patienten zu einem Multiorganversagen geführt haben.

 

WAS BEDEUTET DAS FÜR DIE ZUKUNFT?

Dies könnte ein Durchbruch bei der Erkennung von Long COVID anhand von Bluttests sein. Da die Testergebnisse erst noch verifiziert werden müssen, wird bis zu einer Anwendung des Testverfahrens in der Praxis noch einige Zeit verstreichen. Die Chancen dafür stehen nach ersten Veröffentlichungen jedoch sehr gut und damit sind die Aussichten für Patienten unter Long COVID Verdacht gestiegen, dass bald ein kostengünstigerer und massentauglicherer Bluttest für die Erkennung von Long COVID bereitsteht. Wahrscheinlich muss man dazu sagen und das hat 2 Gründe.

Ein wichtiger Faktor dabei ist, dass man noch nicht weiß, ob Long COVID immer eine Veränderung in der Konzentration der besagten Proteine mit sich bringt. Sind die Konzentrationen der besagten Proteine im Körper des Patienten nachgewiesen, bedeutet das im Umkehrschluss noch nicht, dass ein Patient auch tatsächlich Long COVID entwickelt. Andere Ursachen für erhöhte Konzentrationen müssen zunächst ausgeschlossen werden können. Schließlich sind diese Proteine für entzündungshemmende und gerinnende Prozesse im ganzen Körper verantwortlich und somit nicht eindeutig Long COVID zuzuordnen.

Die Studienergebnisse und die hohe Trefferquote sind beeindruckend. Die Zahl der Studienteilnehmer ist für solche komplexen Testverfahren jedoch als noch zu gering einzustufen. Es handelt sich letztlich nicht nur um ein kleines Blutbild, das wir vom Hausarzt her kennen, sondern um ein technisch anspruchsvolleres Verfahren. Eine größer angelegte Studie könnte die Datenlage und damit die bisher erzielte Trefferquote daher noch verändern.


WAS WÜRDE SICH FÜR DIE BETROFFENEN VON LONG COVID ÄNDERN?

Die Diagnose von Long COVID beruht häufig auf bekannten, einfacheren Verfahren und Bluttests, die jedoch kaum oder gar keine Aussagekraft haben, ob ein Patient unter Long COVID leidet oder nicht. Die langwierige und ungenaue Ausschlussdiagnostik ist das vorherrschende Prinzip und folglich wird insbesondere die durch Long COVID ausgelöste Fatigue anderen Ursachen zugeschrieben und leider immer noch häufig als psychosomatisch bedingte Erkrankung falsch erkannt. Damit ist unweigerlich auch die Dunkelziffer von an Long COVID erkrankten Patienten deutlich höher. Viele Patienten mit milden Long COVID Symptomen haben keinen Anhaltspunkt oder Verdachtsmoment, dass sie von Long COVID betroffen sein können

Die Echtzeit-Verformungs-Zytometrie könnte für eine Long COVID Diagnose genutzt werden. Da diese aber kompliziert ist und nur in wenigen speziellen Labors vorgenommen werden kann, ist die Stellung einer Diagnose für jeden betroffenen Patienten kaum umsetzbar. Eine Möglichkeit, schnellere, weniger komplexere und damit günstigere Testverfahren einzuführen ist daher für jeden Patienten von massivem Vorteil. Eine hundertprozentige Feststellung eines Krankheitsbildes ist der ultimative Schlüssel zur Diagnostik, egal um welches Krankheitsbild es sich handelt. Daher wäre neben der Möglichkeit der Vorhersagbarkeit einer Erkrankung durch die Proteomanalyse auch die Nachdiagnostik von größtem Interesse für jeden Patienten, um sicher ausschließen oder bestätigen zu können, dass man an Long COVID erkrankt ist oder nicht. Ein weiterer zusätzlicher Nutzen aus der Proteomanalyse für die Betroffen wäre, dass bei einem schubartigen Verlauf, ein beginnender Schub frühzeitig erkannt und rechtzeigt mit einer entsprechenden Therapie entgegengewirkt werden könnte.

 

WELCHES POTENZIAL BIETET DIE PROTEOMANALYSE NOCH?

Wenn sich Long COVID durch den Test vorhersagen lässt, kann dieser Test dann auch für einen späteren Nachweis einer Erkrankung mit Long COVID herhalten? Vermutlich, gesichert ist dies jedoch auch noch nicht. Die Konzentration der benannten Proteine im Blut nimmt je nach Protein mit der Zeit ab. Manche Protein-Konzentrationen können schon nach 4 bis 8 Wochen zurück auf ein „normales“ Niveau fallen. Das bedeutet aber nicht, dass damit automatisch auch die Long COVID Symptome verschwinden. Ein zeitnahes Testverfahren bei Verdacht auf Long COVID wäre demnach maßgeblich, um gesichertere Aussagen treffen zu können.

Dennoch, die Forschung schreitet voran und sie ist vielversprechend. Bisher kann Long COVID nur durch eine Verformbarkeitsanalyse der Blutkörperchen eindeutig festgestellt werden. Ein selten eingesetztes, da aufwändiges Testverfahren, welches im Vergleich zur Proteomanalyse wesentlich höhere Kosten verursacht. Die Verfügbarkeit passender Testeinrichtungen ist in Deutschland nur in wenigen, spezialisierten Laboren möglich. Die Entwicklung eines neuen, massentauglicheren Testverfahrens anhand der Proteomanalyse kann in Zukunft diese Lücke vielleicht schließen und die Datenlage zu Long COVID allgemein verbessern.

Wenn Sie einen genaueren Blick auf die Studie werfen möchten, so können Sie diese über den nachstehenden Link einsehen.

Abstract der Studie (Englisch)

https://www.thelancet.com/journals/ebiom/article/PIIS2352-3964(22)00475-3/fulltext